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BLOG vom 01.05.2007


Sonja Burger: Die Malerin, die noch zeichnen kann – und wie!
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Mit brutaler Wucht hat mir das Leben manch eine Illusion zerschmettert, dafür aber neue angeliefert. Eine von der gestorbenen Sorte ist die Annahme, dass Maler zeichnen können müssen. Das war einmal, als es noch keine Fotoapparate gab. Doch dann fühlten sich nachfolgende Künstlergenerationen vom Drang und Zwang der exakten Abbildung befreit und konnten sich ihren Gefühlen frei hingeben. Die von der Wirklichkeit losgelöste abstrakte Kunst nahm überhand. Und es war nun Sache der Betrachter und Kritiker, den Künstlern zu erklären, was ihr Werk vielleicht bedeuten könne.
 
Noch heute halte ich an der Auffassung fest, dass ein abstrahierender Künstler auch im naturalistischen Zeichnen geübt sein müsste, um Spitzenleistungen zu erzielen. So wie etwa der spanische Maler Pablo Ruiz Picasso (1881–1973), der schon im Alter von knapp 20 Jahren in seiner „blauen Periode“ (período azul) mit schwermütigen, detailgetreuen Figurenbildern in verschiedenen Blautönen sein zeichnerisches Talent vorzustellen begann. Ab 1906, als an seiner Kunstfertigkeit kein Zweifel mehr bestand, reduzierte er das Gegenständliche auf geometrische Strukturen (Kubismus), worauf er sich dann hin zum Surrealismus bewegte. Das war ein interessanter Prozess, bei dem das zeichnerische Können immer eine Rolle spielte und zum Durchbruch kam.
 
Mit diesen Ausführungen über die Bedeutung einer soliden Grundausbildung ist der Übergang zur Ausstellung der Zeichnerin und Malerin Sonja Burger (1962) im Restaurant „Pflug“ im aargauischen Othmarsingen (bei Lenzburg) klar geschaffen. Der mutig anmutende Picasso-Bezug scheint mir persönlich durchaus angemessen zu sein.
 
Den Werken Sonja Burgers begegnet man in wissenschaftlichen Instituten, Ausbildungsstätten und Arztpraxen: Es sind exakte anatomische Darstellungen aus verschiedenen Perspektiven, Querschnitte usw., die der Wissensvermittlung dienen und nur zeichnerisch zu bewältigen sind. Wie zum Beispiel könnte man die Anordnung der Muskeln oder das Nervensystem fotografieren? Die anatomischen Zeichnungen sind im Rüdiger-Anatomie Verlag in Berlin, www.berlin-anatomie.de, erschienen. Es gibt keinen Körperteil, den Sonja Burger noch nicht für Fachpublikationen mehrfach von allen Seiten und im Zusammenhang der Organismusfunktionen gezeichnet hat – immer anschaulich und mit wissenschaftlicher Gründlichkeit zugleich.
 
Ebenso faszinierend wie die Begegnung mit ihren Werken ist das Zusammentreffen mit Sonja Burger als Person. Mit ihren schön geschnittenen, ebenmässigen Gesichtszügen, dem wallenden, schulterlangen Haar und dem Charme einer früh gereiften, intelligenten Frau ist sie selber wie ein lebendig gewordenes Portrait aus ihrer Sammelmappe „Personendarstellungen“. Sie ist in erster Linie wissenschaftliche Zeichnerin für höchste Ansprüche, ohne ihre Bescheidenheit eingebüsst zu haben.
 
Selbstverständlich habe ich diese Künstlerin zusammen mit meinem damaligen Stellvertreter, dem ökologisch und ästhetisch orientierten Peter Gloor, zu Beginn unserer Leitung der Zeitschrift „Natürlich“ gebeten, für uns tätig zu sein, um unserer Leserschaft beste Qualität zu bieten. Sie sagte spontan uns zu, und es ergab sich eine 20 Jahre andauernde erspriessliche Zusammenarbeit, die bei der damals noch rasant wachsenden anspruchsvollen Leserschaft beste Früchte trug. Die Künstlerin war immer zur Stelle, wenn es galt, komplizierte Sachverhalte und Abläufe zu veranschaulichen, die eine banale Fotografie nicht einfangen konnte, neben den erwähnten Organsystemen zum Beispiel auch die Wirkungen homöopathischer Heilmittel auf bestimmte Menschentypen, Landschaftsveränderungen. Für die Ausgabe 1989-9 zeichnete sie als Titelbild ein rostendes Sondermüllfass in einen aufgesprengten Stockzahn, weil ich im Schwerpunktartikel gerade gegen das Amalgam herzog, mit dem die Zahnärzte die Zahnlöcher stopften und Gesundheit ihrer Kunden nachhaltig schädigten.
 
Bemerkenswert war für mich, dass Sonja Burger, wo immer es toleriert war, aus der reinen Wissenschaftlichkeit der Darstellung ausbrach und daraus ein aussagekräftiges und stimmungsvolles Kunstwerk schaffte. Erst später erfuhr ich, dass sie sich auch in der abstrakten Kunst auskennt, wobei auch hier ihr Talent im Umgang mit Pinsel (bester Qualität), Farben und dem Strich (vielleicht eine Zusammensetzung aus verschiedenartigen Punkten als fundamentalem zeichnerischen Element) unverhüllt in Erscheinung tritt. Sie kann einfach alles – und alles auf höchstem Niveau. Sie versteht es, mit dem Pinsel ebenso wie mit Caran-d’Ache-Farbstiften oder einem gewöhnlichen Bleistift umzugehen, gibt Mal- und Zeichenkurse für Begeisterte, Technische Zeichner und Architekten, die manchmal mit Bäumen und anderen Attributen aus der Natur eine nicht ganz befriedigende Architektur etwas kaschieren oder einfach der Seelenlosigkeit von Computerzeichnungen einen Hauch von Gemüt einverleiben wollen.
 
Vielleicht leitet sie eine Renaissance des gegenständlichen Zeichnens ein, das aus Zeitschriften und Büchern inzwischen so ziemlich verschwunden ist. Diese Abschaffung geschah aus Gründen der Kosteneinsparung und mit der Folge fallender Auflagen. Ich habe Sonja Burger nach der Eröffnung des Textateliers aus Überzeugung (und auch nicht ganz uneigennützig) wie andere Kunstschaffende auch, die ihr Handwerk à fonds beherrschen (Sabine Hofkunst und Rolf Walter), ins Impressum des Textatelier.com aufgenommen, und in der Rubrik „Bildergalerie“ wird ein Einblick in ihr Schaffen gegeben – eine permanente digitale Kunstausstellung, die viele Nutzer anspricht.
 
Sonja Burger hat die Titel für 2 in der Verlag Textatelier.com GmbH erschienene Bücher gezeichnet: „Bözberg West“ von Heiner Keller und „Konsumwelt mit Naturanschluss“ von Gerhard Ammann et al., die auf der Einstiegsseite www.textatelier.com abgebildet sind.
 
Aber das Internetangebot ersetzt einen Besuch im „Pflug“ beileibe nicht. Dort ist Sonja Burgers Schaffen viel ausführlicher dokumentiert, sozusagen in Lebensgrösse. Im Regionalteil Lenzburg-Seetal der „Aargauer Zeitung“ vom 18. April 2007 führte die Publizistin Brigitte Widmer die Kunstfertigkeit von Sonja Burger auf das tägliche Training mit Bleistift oder Pinsel und „die Kraft der dreidimensionalen Vorstellung“ zurück, eine durchaus zutreffende Feststellung. Motive sieht die Künstlerin überall, bei der Begegnung mit Pferden, beim Betrachten einer eingerollten, ruhenden Katze, bei einer Syphonflasche neben Zitrusfrüchten, in einer Mohnlandschaft, im Jura, in einer Meeresbucht, in der Toskana, einer Klostertreppe, einer südlichen Brücke, bei einem Bach. Und demnächst verreise sie nach Slowenien; sie sagte mir, dort gebe es viele Grotten und andere Naturphänomene. Man ahnt, was auf einen zukommt. Sie war schon in Gambia (Westafrika), und es traf sich am Ausstellungs-Apéro vom Sonntag, 29. April 2007, gut, dass eine hübsche, strahlende Afrikanerin, Haddy Wenzel, die aus jenem Land stammt, für den aufmerksamen Service besorgt war. Auf ihre Reisen nimmt Sonja Burger jeweils einen Zeichenblock im A3-Format, Pinsel und Aquarellfarben mit, um bei jeder Gelegenheit ihre Eindrücke gleich an Ort und Stelle festhalten zu können.
 
Die vielen Ausstellungsgäste blätterten in Schaubüchern, pflügten sich durch Zeitschriften-Sonderdrucke und zeigten sich von der Vielfalt künstlerischer Ausdrucksweisen überwältigt. Sie fanden in den Motiven jede Menge Stoff für Diskussionen. Ich nahm die Gelegenheit wahr, um im vertrauten Kreis von meiner eigenen Kunstmalerei-Vergangenheit zu schwärmen. Und weil ich annehme, dass sich unsere Nutzer brennend dafür interessieren, will ich auch hier davon berichten.
 
Ich hatte als junger Redaktor im Wynental und dann in Aarau viele Kunstausstellungen besucht und beschrieben, so gut ich das eben verstand beziehungsweise wie es mir erläutert wurde. Notfalls habe ich vor allem die Vernissagerede zusammenfassend abgedruckt, auf dass sich dann jedermann von den Bildern sein eigenes Bild machen könne. Es war damals die Zeit der Jekami-Kunst der Abstraktionen. Dabei wurden einfach Farben manchmal in geometrischen Formaten auf einen Untergrund aufgetragen und nebeneinander oder übereinander gestellt. Obschon mir jede Spur von zeichnerischem Talent abgeht, gelangte ich doch zur Überzeugung, das könne ich doch wirklich auch – und begann zu malen. Ich kaufte ein Sortiment Pinsel, wobei keine Pinsel aus dem Schweifhaar des sibirischen Kolinsky-Rotmarders dabei waren, die bis 500 CHF kosten können. Hinzu kamen eine Staffelei, eine Palette und verschiedene Tuben mit Ölfarben. Damals kamen auch gerade die Pressspanplatten auf. Ich wählte solche von zirka 1 cm Dicke und liess sie in Quadrate und Rechtecke verschiedener Formate zuschneiden. Sie ersetzten mir die Leinwand.
 
Es war vor der Sommerferienzeit im Jahre 1965, und wir beabsichtigten, in Seeboden am Millstättersee in Österreich Ferien zu machen. Selbstverständlich nahm ich meine Malerei-Ausrüstung mit, ebenso einen weissen Mantel aus meiner Forschungstätigkeit in Roche-Laboratorien, Tabakpfeife und Sonnenbrille. Was braucht man mehr?
 
Also stellte ich meine Staffelei an einer schönen Aussichtslage mit See und Berghintergrund (Gurktaler und Millstätter Alpen und den Höhenrücken vor dem Drautal) auf, drückte Farbwürstchen aus der Tube ringförmig auf die Palette und begann lustvoll zu mischen und zu malen. Ich kreierte mutige Töne, wie sie die herrliche Landschaft vorgab. Ich malte und übermalte selbstvergessen, und was mir verbesserungswürdig und -fähig zu sein schien, so dass mehrere Farbschichten aufeinander kamen und ich am Schluss eigentlich ein Relief beisammen hatte. Der ehemalige Suhrer Hausarzt Walter Widmer warf während meiner Erzählung an dieser Stelle die Frage ein, ob diese Meisterwerke wohl für Blinde gedacht gewesen seien ... Daran hatte ich damals nicht einmal gedacht.
 
Beim Malen hatte ich darauf geachtet, dass gelegentlich etwas von den Farben auf die weisse Schürze geriet, nicht nur weil sie so selber zum Kunstwerk würde, sondern auch, weil sie mich bei zunehmender Farbintensität als bestandenen Maler kennzeichnete. Doch der eigentliche Knalleffekt kommt erst jetzt: Eine junge hübsche, sommerlich leicht bekleidete Dame schlich sich an und zeigte sich von meiner Kunst nicht nur beeindruckt, sondern sogar begeistert. Ich schenkte ihr das Meisterwerk „Am Millstättersee, 1965, wh.“ spontan, vergass aber leider, vom eigenen Erfolg überwältigt, sie nach ihrem Namen zu fragen. Und so kann ich das weitere Schicksal dieses Kunstwerks auf Pressspan leider nicht mehr nachverfolgen.
 
In den nächsten Tagen sorgte ich, bei bereits ordentlich fleckiger Schürze, für Ersatz, und das Bild, aus einer neuen Perspektive heraus entstanden, schien mir sogar noch etwas reifer als das erste zu sein. Wiederum hatte ich die Ölfarben dick aufgetragen (ähnlich wie bei dieser Schilderung). Ich legte das Bild mit der Butterseite (bzw. Farbenseite) nach oben sorgfältig in den Kofferraum. Dummerweise rutschte bei der Rückfahrt ins Hotel ein Benzinkanister mit Reservebenzin über das Bild, glättete die Farben, sorgte für neue Effekte, die mir weniger zusagten, auch wenn das Werk nun in Sachen Abstraktion nichts zu wünschen übrig liess.
 
Später habe ich dann noch die Ruine Schenkenberg gemalt, und es schien mir sinnvoller, mich wieder meinen Kernkompetenzen zuzuwenden. Die Staffelei liegt noch irgendwo auf dem Estrich. Vielleicht hole ich sie eines schönen Tages wieder einmal hervor. Denn nicht allein das Schreiben, sondern auch das Malen versetzt einen in höhere Sphären, ungeachtet des Resultats. Ich sollte mich davon (vom Resultat) nicht allzu sehr abschrecken lassen.
 
Aber immerhin glaube ich, jetzt in Fragen der darstellenden Künste mitreden zu können. Und umso ausgiebiger erlabte ich mich in Othmarsingen an den Früchten einer begabten Künstlerin, die im sehr geräumigen Landgasthof „Pflug“ in jeder Menge ausgestellt waren bzw. weiterhin sind – bis zum 31. August 2007. Mit etwas Glück kann man die Künstlerin, die zurzeit in Hemmental SH wohnt, und ihren Lebenspartner Niklaus Brönnimann, Innenarchitekt und Gestalter, Othmarsingen, kennen lernen, interessante Gespräche führen und ab Video einen Kurs zum Zeichnen mit Farbstiften verfolgen.
 
Für mich der einzige Wermutstropfen: Ich weiss jetzt wieder, was darstellende Kunst ist und dass ich als Zeichenbanause niemals auch nur annähernd werde mithalten können. Alle damit zusammenhängenden Illusionen sind jetzt definitiv dahin.
 
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