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BLOG vom 13.01.2008


Unsterbliche Zitate: Türöffner zu weiterführenden Gedanken
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com) 
„Zitate sind legal gestohlene Plagiate.“
Walter Hess
*
Das obige Zitat, das ich speziell für dieses Feuilleton aus dem Ärmel geschüttelt habe, dürfte mir Unsterblichkeit garantieren, weil laut Ralph Waldo Emerson „gleich nach dem Schöpfer eines guten Satzes (…) der kommt, der ihn zum erstenmal zitiert“. Hoffen wir es. Mit meinem wirklich grossen Wurf habe ich 2 Fliegen mit einem einzigen Schlag verscheucht (denn man soll ja nicht alle Fliegen gleich erschlagen): Ich habe einen Aufhänger für diese Betrachtung über Zitate konstruiert und mich gleich selber zitiert. Denn jedermann wird gern zitiert, weil ihm dies Bedeutung verschafft.
 
Der Einsatz von Zitaten bei Texten aller Art bringt auf jeden Fall einen Mehrfachnutzen – und so zitieren wir alle denn üblicherweise „aus Not, aus Neigung und aus Freude daran“ (Emerson), und laut Ludwig Fulda bilden „über manche Gedankenlücke (…) Zitate die Eselsbrücke“. Vorangestellt dienen sie, wie gesagt, als eine Art Haken, an dem bereits Gedankenfetzen hängen und an denen man weiterweben kann, auf dass dann ein mehr oder weniger gut zusammengeflickter weicher Teppich (ein Patchwork) entstehen möge, auf dem dann die Nutzer lustwandeln können, eine tolle, allerseits nützliche Sache also.
 
Ein vorangestelltes Zitat verwandelt die Angst vor dem leeren Blatt in die hohe Kunst des mitreissenden Einstiegs der den Autor als gebildet erscheinen lässt. Hier angekommen, drängt sich die Zitierung von Arthur Schopenhauers „Neue Paralipolimena“, Kapitel 18, § 537 auf: „Durch viele Zitate vermehrt man seinen Anspruch auf Gelehrsamkeit, vermindert aber den auf Originalität, und was ist Gelehrsamkeit gegen Originalität?“ Dazu möchte ich, um einen allfällig aufkeimenden Eindruck von grosser Gelehrsamkeit im Zaume zu halten, gleich beifügen, dass ich die Parapolimena bisher noch nicht gelesen habe und das Schopenhauer-Zitat nicht der Urquelle, sondern dem alphabetisch geordneten Buch „Zitatenschatz der Weltliteratur“ von Richard Zoozmann (Athenäum 1980) entnommen habe. Weil das niemand gewusst hätte, wäre der Eindruck erweckt worden, als ob ich den ganzen Tag klassische philosophische Literatur lesen würde. (Zwar tue ich das wenigstens an Abenden: ich arbeite mich gerade durch Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“, eine Folge meines kürzlichen Besuchs im Nietzsche-Haus in Sils GR).
 
Mein Wille allerdings zielt bloss darauf ab, hier etwas zur Zitate-Thematik von mir zu geben. Und bei den einschlägigen Recherchen erhielt ich bestätigt, dass dieser Wille „ein endloses Streben ist“, wie Schopenhauer im eben erwähnten Buch philosophiert. Und zu diesem Willen, habe ich gelernt, „gehört die Abwesenheit alles Zieles, aller Gränzen“. Gleichwohl will ich mich bemühen, nicht grenzenlos (oder eben gränzenlos) auszuufern. So beschränke ich mich hier weitgehend auf die Feststellung, dass mir mein lieber Freund und Mitblogger Emil Baschnonga aus London kürzlich das Büchlein „Mein Zitatenschatz. Der Schlüssel zur Heiterkeit“, herausgegeben von Margrit Hoffmann (Groh Verlag 2007, ISBN 978-3-89008-699-6) zugestellt hat. „Vor so viel Heiterkeit könnte man fast schwermütig werden“, schrieb Emil Baschnonga, nie um einen kuriosen Gedanken verlegen, in einer Begleitnotiz zur Sendung.
 
In diesem hübschen Geschenkbändchen bin ich zwischen Gotthold Ephraim Lessing („Das Vergnügen ist so nötig, als die Arbeit“) und Wladimir Lindenberg („Phantasie ist der Goldglanz, der über dem Dasein liegt und es über das Grau des Alltags erhebt“) auf eine seiner eigenen Aphorismen gestossen: „Ein sonniges Gemüt macht saure Gurken süss.“ Wegen der Bildhaftigkeit ist das eine der Perlen im Buch.
 
Der Zufall verhalf mir fast gleichentags dazu, dass mir ein Bekannter aus Aarau ebenfalls ein schön illustriertes Zitate-Bändchen aus „Die kleine Reihe“ (Mira Verlag, ISBN 3-89222-480-3) schenkte: „Türen“ (Vollständiger Titel: „Klopft die Not an, so öffnet die Liebe alle Türen“). Darin habe ich neben einem abgebildeten riesigen Bogentor, das von einem massiven Rahmen aus regelmässigen Steinen umgeben ist, dieses englische Sprichwort gefunden: „Macht die Tür nicht grösser als das Haus.“ Auch wenn mir das nie in den Sinn gekommen wäre, hat mir diese Redensart doch zu denken gegeben. Was wollen die Engländer damit wohl sagen? Die Sache ist doppeldeutig: Wenn eine Tür zum Verschliessen dient, würde das heissen, man solle doch etwas grosszügiger beim Hereinlassen (wohl von Menschen) sein; dient die Tür aber zum Empfangen, hiesse das umgekehrt, man solle nur so viele Ankömmlinge hereinlassen wie im Hause Platz finden.
 
Daraus ergibt sich zwingend die Bestätigung des 520. Goethe-Zitats, das ins Werk „Das Grosse Zitaten Buch“ von J. H. Kilchner (Lexikographisches Institut, München 1977) Einlass fand: „Zwei Seelen wohnen, ach! In meiner Brust, / die eine will sich von der andern trennen“ („Faust“ 1112/13).
 
Auch in Zitate-Brüsten wohnen, ach! also auch 2 Seelen. Selbstverständlich werden sich diese beiden Seelen bei aller Gegensätzlichkeit unter sich niemals bekämpfen; denn „Grosse Seelen dulden still“ liest man in Friedrich Schillers „Don Carlos“ (oder einfacher: in einem gut bestückten Zitate-Handbuch), und so ist der Seelenfrieden auf jeden Fall garantiert, ohne dass gewisse Seelen eine Seelenwanderung antreten oder gar auswandern müssen.
 
Der Blogleser, der sich fragen mag, was das Ganze hier eigentlich soll, mag doch immerhin bitte erkennen, dass man sich mit tatkräftiger Hilfe von Zitaten nicht nur über den Alltag erheben, sondern auch durch ganze Blogs durchschreiben kann; Zitate zieren nicht nur Blogs, sondern nach Heinrich Heine „den ganzen Menschen“. Allerdings sind es, wenn man Christian Morgenstern vertrauen darf, „Eis für jede Stimmung“.
 
In dem Fall dürfte es bei unseren verehrten Nutzern jetzt, nach dieser Zitatenflut, sehr frostig sein: Aber sie werden zweifellos gewiss Zitate auftreiben, um etwas Wärme ins Herz zu lassen: „In jedem Winter steckt ein zitternder Frühling, und hinter jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen“ (Khalil Gibran).
 
Falls Sie täglich mit einem Zitat beliefert werden möchten, können Sie ein Abonnement bei der liebenswürdigen Zitante Christa Moll bestellen (http://web620.xantronkunden4.de/). Häufig findet die einfühlsame Dame ein passendes Bild dazu. Und unser Aphoristiker (Verfasser von Sinnsprüchen, Lebensweisheiten) Emil Baschnonga hat auch bei ihr einen Stein im Brett. Und in seinen Textatelier-Blogs zelebriert er häufig neue prägnant-geistreiche Gedanken.
 
Zieren Sie sich nicht, all diese Quellen nach Lust und Laune anzuzapfen! Sie können diese bedenkenlos nutzen, denn weil Sie bis hierhin lesend durchgehalten haben, sind Sie dafür bestens qualifiziert: „Ein schönes Zitat ist ein Diamant am Finger des Mannes von Geist und ein Stein in der Hand des Toren“ (französisches Zitat). Lassen Sie Rosen blühen und nicht Dornen stechen!
 
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