Textatelier
BLOG vom: 14.05.2026

Experte für US-Wirtschaft referierte über das «Zurzibiet» von North Carolina

 

Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Aesch/LU

 

David Dorn, *1979, ist heute der weltweit meistzitierte Schweizer Uni Professor mit Schwerpunkt Globalisierung und USA. Sein Vortrag über den China-Schock mit Auswirkungen auf das Wahlverhalten des US-Mittelstandes war gespickt von konkretem Hintergrundwissen, in North Carolina vor Ort erarbeitet, so der Niedergang der holzverarbeitenden Industrie. Das Zurzibiet, dem Referenten mit Würenlinger Wurzeln nicht unbekannt, wurde nur indirekt angedeutet. Pirmin Meier berichtete zunächst für die «Botschaft», nunmehr für seine Standard-Seite «Textatelier».

 

Dass das Aare-Dorf bedeutende Wissenschaftler hervorgebracht hat, so die Krebsforscher Walter Birchmeier und Pascal Meier, unter den Frauen die Pionierin umweltbezogener Agrarforschung, ETH-Professorin Silvia Dorn-Mühlebach, ist bekannt. Weniger jedoch die steil verlaufende Karriere von deren Sohn, dem Wirtschaftswissenschaftler und Globalisierungsspezialisten David Dorn. Dessen Publikationsausweis, meist englisch, ist atemberaubend. Der Professor an der Uni Zürich gehört unterdessen zu den meistzitierten jüngeren Schweizer Gelehrten der Gegenwart.

Entsprechend gut besucht war am Mittwochabend sein Vortrag vor der Zürcher Volkswirtschaftlichen Gesellschaft, wo er im Vergleich zu seinem Vorredner vor zwei Monaten, dem Präsidenten der Nationalbank, durch brillante Rhetorik mit Überraschungsmomenten auffiel. Auf eindrückliche Weise vermittelte er den Nachweis, dass herkömmliche Dogmen über die Globalisierung weder in Amerika noch in der Schweiz jeweils lehrbuchmässig zutreffen. Dass «via Handel alles besser» werde bzw. im Kapitalismus bei rabiatem Wandel, etwa durch die China-Konkurrenz, via Qualität und Ideenreichtum der Gesamtwohlstand sich in absehbarer Zeit verbessere, bestätige sich, wenn überhaupt, nur mühsam. So zum Beispiel nicht in Nord Carolina, einem charakteristischen Schauplatz Trumpscher Wahlkämpfe, über Generationen Hochburg der amerikanischen Möbelindustrie. Die Zahl der sowohl grösseren als auch kleineren Betriebe habe dort eine Konzentration erreicht, dass der wirtschaftliche Wandel im Gegensatz zur vielseitigeren Infrastruktur etwa der Schweiz weit schwerer durch neu entstehende Arbeitsplätze aufgefangen werden könne. Auch stimme es längst nicht mehr, dass der amerikanische Arbeitnehmer, wie ihm früher nachgesagt, sozial und geografisch «überall» zu Hause sei. Zumal in den kleineren Staaten haben sich die Verhältnisse stärker denjenigen in Europa angepasst. Bei nunmehr vielfach ähnlichem Wahlverhalten.

Auf dieser Basis waren und sind, so der Referent, die politischen Erfolge von Trump, anfänglich als Witzfigur verlacht, sowohl 2016 und 2024 zu erklären, einschliesslich der von Experten kritisierten Zollpolitik. Zu den Trump-Kritikern, nicht im Schweizer Fernsehen, aber zum Beispiel in der «New York Times», gehörte David Dorn schon früh, wenngleich jenseits des bloss skandalisierenden Zungenschlags. Dass Trump ein Sexist, Rassist und Psychopath sei, sowieso ein Dummkopf, seine Irrtümer und Widersprüche Lügen, hat nichts mit sachlicher Analyse zu tun. Eher schon lag für Dorn ein Vergleich mit dem linken Bernie Sanders nahe, weil die Entwicklungen in der westlichen Welt, siehe auch Europa, sowohl für Links- wie Rechtspopulismus eine fruchtbare Grundlage bieten, zweifelsfrei auch wegen Fehlern, Hilflosigkeiten und in Amerika ideologischen Verirrungen auch im Lager der Demokraten, so betreffend Geschlechter- und Identitätspolitik ohne Rücksicht zum Beispiel auf die religiöse und gesellschaftliche Prägung von vielen Millionen Amerikanern. 

Hierfür bedürfe es über die bei Dorn während über 10 Jahren in diversen Staaten und bedeutendsten Universitäten geleisteten Analysen der wirtschaftlichen Lage hinaus noch des vertieften Studiums der Mentalitäten, was Dorn in seinem Referat und dem anschliessenden Gespräch kompetent durchblicken liess.

Der vergleichsweise hochkompetente Trump-Kritiker Dorn erläuterte die Hintergründe der Verhältnisse, zumal via sehr genauer Analyse der neuen Rolle des lange unterschätzten China in der Weltwirtschaft, dass man ihn zeitweilig beinahe als «Trump-Versteher» hätte einschätzen können. Auf eine entsprechende Rückfrage bekannte er sich indes zum pragmatischen Flügel der Demokraten in der Hoffnung, es gebe bei den nächsten Wahlen abermals eine Ablösung der Parteien. Aus Sicht des Berichterstatters bleibt hier lediglich hinzuzufügen, dass für Trump auf dem Papier mindestens so kompetente Berater zur Verfügung stehen würden als für jeden demokratischen Präsidenten, dass der selbe aber sich wohl wie kein zweiter in den letzten hundert Jahren sich nun mal als vielfach beratungsresistent zeigt, was bei ihm freilich so etwas wie ein politisches Alleinstellungsmerkmal darstellt. Das letzte Wort über den Nutzen und Schaden seiner Amtszeiten scheint noch nicht gesprochen. Auch nicht im Verhältnis zur Schweiz. Mit einiger Sicherheit scheint mir indes Prof. David Dorn über ein diesbezügliches Grundwissen zu verfügen, mit dem in Bundesrat und Parlament derzeit wohl niemand Schritt hält: so wenig die tatsächlichen Verhältnisse in Russland und in der Ukraine als vertieft bekannt vorausgesetzt werden können. Ein zwar seltenes, aber möglicherweise treffendes Argument für die Neutralität in der Schweiz.

Meine vorsichtige Anfrage an David Dorn, allenfalls einmal vor der Historischen Gesellschaft des Bezirks Zurzach über die Probleme der Holzindustrie in der Schweiz im Vergleich zu Nord Carolina oder ein ähnliches Thema zu sprechen, beantwortete der Referent zurückhaltend. Sein Pensum an Forschungen und Publikationen bleibt atemberaubend. Für Vorträge müsse er häufig absagen. Vielleicht wird sich dies nach Ablauf der Ära Trump allenfalls ändern. Tief verbunden bleibt David Dorn mit seiner Würenlinger Cousine Corinne Mühlebach, erstklassiger Spezialistin über die «Familyness als Wettbewerbsvorteil» und seinem ebenfalls an der Handelshochschule St. Gallen ausgebildeten Würenlinger Onkel Toni Mühlebach, dem profilierten Alt-Müllermeister.

 

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